Damit das Interesse an einem Menschen geweckt wird, braucht es manchmal gar keine Begegnung. Von Nadja habe ich nur gehört – und zwar ihre Musik. Ich legte einen Titel von ihr ein, weil ich meine Yoga-Einheit vertiefen wollte. Nach wenigen Minuten tauchte ich voll in die Bewegung ein. 

Als der Titel aus Turning In ausklang, fühlte ich mich hellwach. Wer ist diese Nadja Lind? Meine Neugier war angeregt. Aber das Internet stillte sie nicht, sondern ließ sie wachsen: 

Eine DJ aus Berlin, die in aller Welt auflegt, das Label Lucidflow mitbegründet hat, leidenschaftlich Sport treibt, sich mit positivem Wachstum beschäftigt und Tracks produziert, die sogar bei mir wirken. Obwohl ich bislang glaubte, dass ich mit elektronischer Musik wenig anfangen könne. Wie cool – und irritierend – ist das denn?!

Meine Skepsis als Wissenschaftler wich der direkten Erfahrung

Kurz darauf erreichte eine neue Produktion von Nadja durch meine Kopfhörer mein Hirn; diesmal beim Sport. Auf der Titelbeschreibung steht: „Workout Ecstasy verbessert ihr Workout und trainiert ihr Gehirn“. Naja, dachte ich mir, bevor ich auf „Play“ drückte. Fünf Minuten später war meine wissenschaftliche Skepsis weggeblasen. Ich bemerkte, dass ich mich dank Nadjas Beats leichter bewegte als sonst. Ich hatte richtig Lust, zu rennen. 

Jeder weiß, dass Musik das Erleben beeinflusst. Aber wenige verstehen, dass Musiker nicht nur fachliches Können, sondern auch emotionale Sensitivität mitbringen müssen, um ihre Musik genau auf eine Situation abzustimmen, z.B. auf das 30-minütige Workout eines Zuhörers oder auf die Atmosphäre einer Kirche in Berlin-Kreuzberg. Manche Musiker machen zwar Musik, aber gehen kaum in Kontakt mit dem Raum und dem Publikum. 

„Resonanzfähigkeit”
– das trifft auf Nadja zu

Bei Nadja ist das anders. Ich schreibe ihr eine enorme Resonanzfähigkeit zu – und eine „Meisterschaft” in dem, was sie tut. Das sind zwei Gründe, weshalb ich sie nach unserem Interview für das flow in concept-Netzwerk angefragt habe.

Nadja arbeitet in einigen Produktionen gezielt mit binauralen Beats. Das sind akustische Signale, die das Gehirn auf natürliche Weise stimulieren oder regenerieren. Dass man das Gehirn durch die psychoakustische Wirkung von Musik positiv beeinflussen kann, fasziniert mich als flow-Forscher enorm. Deshalb nutze ich tagtäglich die Audio Technologien von iAwake Technologies. Unser gemeinsamer Partner aus Utah (USA) hat mehrere Tracks von Nadja im Portfolio. 

Der Effekt entsteht durch die frequency following response des Gehirns. Das Gehirn ist eng mit dem menschlichen Bewusstsein und dessen Zuständen verknüpft. Qualitativ hochwertiger und abgestimmter Sound unterstützt also das Training von flow und anderen Bewusstseinszuständen.

„Um mitten in der Nacht rauszugehen und den Club zu rocken”

Wie bist du denn darauf gekommen? – fragte ich Nadja im Interview. Die Idee, eigene binaurale Beats zu erstellen, kam in ihrer Arbeit als DJ. „Ich wollte etwas haben, mit dem ich mich vollständig und auf den Punkt regenerieren kann“. Etwas, das ihr hilft, wenn sie nachmittags am Flughafen ankommt, direkt zum Soundcheck fährt, und dann im Hotel die Zeit überbrücken muss, bis sie um drei Uhr nachts auf die Bühne steigt, um den Club zu rocken. 

Klar könnte man sich auch mit Energy Drinks abfüllen oder Drogen einwerfen. Doch ein Rauschzustand blockiert Kreativität und verhindert den echten Kontakt zum Publikum, wie mir Nadja im Interview beantwortet. flow braucht keine äußeren Substanzen. flow ist ein natürlicher positiver Zustand und – laut Nadja – das einzig Nachhaltige. 

flow ist das einzig Nachhaltige. Stimmt das? 

Darüber habe ich weiter nachgedacht. Denn auf den ersten Blick ist ein flow-Zustand alles andere als nachhaltig, sondern eben flüchtig. Bewusstseinszustände kommen und gehen. Wir können zwar den Zugang zu flow-States trainieren, aber nicht ewig drin bleiben. 

Dennoch, so verstehe ich Nadja, liegt die Nachhaltigkeit eines flow-Zustands in seiner anhaltenden Wirkung. flow ist radikal nachhaltig, weil er von innen heraus motiviert und keine äußeren Ressourcen verschwendet. flow motiviert direkt. Bei Nadja findet diese innere Motivation und Lebendigkeit ihren Ausdruck durch ihre Musik. 

„Alles hört auf mein Kommando! Natürlich war das auch so ein Ego-Ding”

Und das, obwohl sie ein eher introvertierter Charakter sei. Beim Auflegen hat Nadja gelernt, mehr aus sich raus zu kommen und mit einem Publikum in Kontakt zu gehen. Von den Leuten auf der Tanzfläche bekommt man unmittelbares und sofortiges Feedback — eine Bedingung für flow-Erleben — und natürlich sei das in ihrer Anfangszeit auch für ihr Ego wichtig gewesen. 

Die Ehrlichkeit ihrer Antworten beeindruckt mich. 

Von Anfang bis Ende nie langweilig

Aufgrund solcher Augenblicke war die Begegnung mit Nadja in keiner Sekunde langweilig: ab dem ersten Moment, als ich sie im Café Fleury in Berlin durch die Tür kommen sah… bis zu dem Moment, als sie nach unserer herzlichen Verabschiedung im neonfarbenen Regenponcho lachend auf ihr Fahrrad stieg. 

Vielleicht gilt die Frequency following response nicht nur bei binauralen Beats, sondern auch zwischen Menschen. Jedenfalls ging uns in zwei Stunden der Gesprächsstoff nie aus. 

Wie bist du zu der geworden, die du jetzt bist?

Zwischen ihren Antworten zum Thema flow erfuhr ich einige Stationen aus Nadjas Biografie. Sie lernte Betriebswirtin mit Schwerpunkt Informationsmanagement, hat eine Hypnose-Ausbildung und bildet sich Schmerztherapie bei Liebscher & Bracht und als Heilpraktikerin weiter. Wenn sich jemand neben einer professionellen Karriere — in ihrem Fall als DJ — aktiv mit anderen Themen befasst, kann ich leicht daran anknüpfen. 

Auf ähnlicher Wellenlänge bin ich auch hinsichtlich der Methoden, die Nadja in ihrem Alltag anwendet. Dazu zählen Dr. Stephen Wolinskys Fragetechniken oder der Voice Dialogue von Sidra und Hal Stone, von dessen Wirksamkeit ich überzeugt bin. Und die Praxis des Inner Engineering möchte ich gerne mal ausprobieren. Ich mag Tools, die Kopf, Körper und Spirit verknüpfen. Dass auch Führungskräfte daraus lernen können, beantwortet Nadja im Interview. 

Über Katzen sprachen wir auch

Wir saßen erst am Fenster und dann im Park, zwischen blühenden Blumen, Bienensummen und Vogelgezwitscher. Wir waren nicht von der Welt abgeschottet, wie Sie in den Interview-Clips bemerken. Nur Katzen haben wir nicht gesehen — aber über sie gesprochen. 

Nadja liebt Katzen. Und ich finde es absolut genial, dass sie das Schnurren ihrer Katze Mathilda in einen Titel gepackt hat: Die binauralen Beats von Purrfound Meditation höre ich sehr gerne nach einem anstrengenden Tag. Abgesehen davon gibt es Forschungsbefunde zur heilenden und entspannenden Wirkung von Katzenschnurren. 

Ich glaube, als DJ ist man entweder allein — oder man ist in Resonanz

Menschen sind Resonanzwesen, sagt der Soziologe Hartmut Rosa von der Uni Jena. Wenn wir nicht mitschwingen, entfremden wir uns von der Welt und damit auch von uns selbst. 

In der Begegnung mit Nadja wurde mir aufs Neue klar, was es heißt, in Resonanz zu sein. Ich definiere Resonanzfähigkeit als die Fähigkeit, mit Menschen, Dingen und Themen in lebendigen Kontakt zu kommen. Was Hartmut Rosa theoretisch beschreibt und ich als Trainer vermittle, ist der Kern von Nadjas Arbeit. Es ist die Fähigkeit, mit Leib und Seele mitzuschwingen. Es ist die zentrale Bedingung, um in einen geteilten flow zu kommen. 

flow braucht mindestens zwei Seiten: erst dadurch entsteht Kreativität

Nadja realisiert Resonanz. Ob sie im Studio Musik produziert oder live auf der Bühne auflegt: es geht immer um „in Kontakt gehen”, um das Einstimmen, um das Mitschwingen. Dafür braucht es mindestens zwei Seiten, zwischen denen eine kreative Spannung entstehen kann, z.B. zwischen DJ und Publikum durch das Medium der Musik.

Im Live-Duo Klartraum hat Nadja mit Helmut Ebritsch eine „andere Seite” gefunden. Helmut ist ein Gegenpol – nicht nur, was die körperliche Statur angeht: Schon wenn ich Klartraum online sehe und höre, bekomme ich angenehm Gänsehaut – und große Lust, die beiden „live on stage” zu erleben. 

Weil ich weiß, dass ich dabei nachhaltig in den flow komme.

 


Videos zum Interview mit Nadja

Wie wird man eigentlich DJ?

Worin unterscheiden sich flow und Rausch?

Was bedeutet für dich flow?

Was hat es mit “Lucidflow” und “Klartraum” auf sich?

Wie hat flow zu deiner Entwicklung beigetragen?

Was können Führungskräfte von DJs lernen?