Wollen Sie eine Arbeit, die Sinn macht? Wenn ja, dann liegen Sie voll im Trend. Doch wenn Mitarbeiter mehr Sinn fordern und Unternehmen Sinn bieten sollen, entstehen utopische Erwartungen. Der Sinn Ihrer Arbeit hängt von Ihren Bedürfnissen ab. Die lassen sich nicht verändern, sondern nur erfüllen: am besten von Ihnen selbst.

Lieber sinnvolle Arbeit als mehr Gehalt, heißt es in einem Online-Artikel der Capital. Sinn ist das neue Geld, verkündet der Harvard Business Review. Kein Thema bietet mehr Gesprächsstoff als die Frage nach dem Sinn. Das finde ich schön, aber im Arbeitsalltag schwierig. Denn was die philosophische Diskussion am Kaminfeuer anregt, kann im Job viel Zeit und Energie kosten.

In diesem Beitrag lernen Sie ein Entscheidungsprinzip kennen, mit dem Sie in jedem Moment sinnstiftende Aufgaben stellen können. Damit verknüpfen Sie auf direktem Wege die abstrakte Sinn-Ebene mit der konkreten Handlungs-Ebene.

Video: Woran erkennt man Sinn in der Arbeit und wer ist dafür zuständig? Dr. Simon Sirch skizziert seine Gedanken dazu. (59 sek)

Sinn ist das neue Geld!
Aha… und was konkret ist Sinn?

Die Sache mit dem Sinn birgt zwei Probleme. Das erste Problem: Sinn ist abstrakt. Man kann ihn nicht wirklich greifen. Wenn ich mir die Sinnfrage stelle – was ich gerne tue – verliert sich mein Verstand schnell in diffusen Gedanken, philosophischen Ansätzen und geistreichen, aber unpraktischen Konstrukten. Wer auf der Sinn-Ebene hängen bleibt, verliert den Kontakt zur Emotion und zum konkreten Handeln in der Aufgabe, die jetzt ansteht.

Sich im Sinn zu verlieren heißt, sich nicht bewegen zu müssen.

Der Aufenthalt auf der Sinn-Ebene hat mehrere Vorteile. Einer davon: Man muss sich nicht bewegen. Das Angebot an Sinnversprechen ist riesig und nur einen Klick entfernt! Zum Beispiel erfreuen sich Stellenbörsen für „Jobs mit Sinn” wachsender Beliebtheit. Natürlich liegt es nahe, diese „Good Jobs” mit dem aktuellen „Bad Job” zu vergleichen – vor allem, wenn sie besser bezahlt sind.

Also studiert man die Stellenanzeigen, ohne zu wissen, wonach man wirklich sucht – nur irgendwas mit Sinn. Oder man bewirbt sich im Geheimen bei einem „Unternehmen mit Sinn”, um dann beim Vorstellungsgespräch zu erkennen, dass das neue Jahresgehalt um 15.000 Euro geringer ausfallen würde. Hmmm… dann lieber doch nicht?

„Aber macht es noch Sinn, dass wir uns dafür anstrengen?”

Diese Frage stellte eine Teilnehmerin in die Runde eines Führungskräfte-Trainings für einen Großkonzern. „Macht es noch Sinn, oder steht unser Unternehmen bereits am Abgrund?”

Ihre Frage wurde mit Schweigen beantwortet. Ja… manchmal sehnen wir uns danach, dass uns Entscheidungen abgenommen werden: Sich ausruhen oder anstrengen. Resignieren oder glauben. Gehen oder bleiben. Ich verstehe diese Sehnsucht sehr gut. Sie ist keineswegs banal. Wer auf solche Fragen keine Antwort findet, dem drohen Boreout oder Burnout.

Nichts hat Sinn, bevor Sie entscheiden.

Sinn wird nicht von Ihrem Chef entschieden. Sinn findet man meines Erachtens auch nicht in einer Kultur, die es in Ihrem Unternehmen noch gar nicht gibt. Wenn es wirklich um Sinn geht, ist das Individuum gefragt.

„Sinn muss gefunden werden, kann nicht erzeugt werden”, sagt Viktor Frankl. In seinem Buch ... trotzdem Ja zum Leben sagen beschreibt er sehr eindrucksvoll, dass Sinn nicht von äußeren Bedingungen abhängt, sondern in erster Linie von einem selbst.

Für alle, die sinnvoll leben und arbeiten möchten, liegt darin das das zweite Problem – und die großartige Chance: Sinn ist nicht gegeben, sondern muss immer wieder neu gestiftet werden – von Ihnen! Wie das geht? Indem man Entscheidungen trifft und sich selbst Aufgaben stellt, die Sinn stiften.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie den Sinn Ihrer Arbeit? Jede Führungskraft hat ihre Entscheidungskriterien, ob bewusst oder unbewusst. Vielleicht nutzen Sie das Eisenhower-Prinzip, um Aufgaben zu verteilen; vielleicht das Pareto-Prinzip, um mit Ihrer Energie zu haushalten. Ich finde solche Prinzipien hilfreich, aber zu wenig. Sie sind zu wenig, weil sie zu sachlich sind und zu wenig emotional. Zu viel rationale Logik und zu wenig Sinnstiftung.

Menschen sind Lebewesen, keine Computer. Sogar Niklas Luhmann, einer der rationalsten Soziologen aller Zeiten, unterscheidet Menschen von Maschinen: weil die menschliche Psyche „auf der Grundlage von Sinn operiert”.

Bevor Sie nach dem Sinn fragen, beantworten Sie Ihre Bedürfnisse!

Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf: Entscheiden Sie Sinn ohne Ausschweifungen. Der direkte Weg zur sinnstiftenden Arbeit führt über Ihre Bedürfnisse.

Grafik: Der direkte Weg zur sinnvollen Arbeit führt über Bedürfnisse. Ansonsten verliert man sich leicht auf der abstrakten Sinn-Ebene.

Das Verhalten eines Menschen wird in jedem Augenblick durch seine Bedürfnisse gesteuert. Ihre Bedürfnisse sind wichtiger als Ihre Werte und stärker als Ihre Gefühle. Bedürfnisse wirken, auch wenn man sie unterdrückt. Das habe ich in der Grafik dargestellt.

Führungskräfte denken bei Bedürfnissen oft an Abraham Maslow, manchmal auch an die Selbstbestimmungstheorie von Deci & Ryan. In meiner Arbeit kombiniere ich diese Ansätze mit dem Konzept von Tony Robbins. Obwohl ich zu Robbins’ Ansatz keine empirischen Studien finde, entsteht aus dieser Kombination ein anschlussfähiges und pragmatisches Modell, das meinen Klienten und Teilnehmern hilft.

Bedürfnisse „auf die Reihe bringen”: erst die eigenen, dann die der Anderen.

In meinem Modell unterscheide ich zwischen biologischen Bedürfnissen, zum Beispiel Nahrung oder ein Dach über dem Kopf, und psychologischen Bedürfnissen. Die biologischen Bedürfnisse lasse ich hier außer Acht. Darüber müssen wir uns in unserem Teil der Erde nur selten Sorgen machen. Die folgenden sechs Bedürfnisse reichen meines Erachtens aus, um sinnstiftende Entscheidungen zu treffen:

Sicherheit:

wird erfüllt durch Gewissheit, Stabilität und Konstanz. Menschen haben das Bedürfnis, dass bestimmte Dinge bleiben. Sie vergewissern sich zum Beispiel durch einen festen Job und ein sicheres Einkommen, durch Verträge und Versicherungen, durch loyale Freundschaften, durch transparente Kommunikation, durch den Rat von Experten oder durch wissenschaftliche Nachweise. Maslow nennt diese Bedürfnisse „safety needs”.

Abwechslung:

wird erfüllt durch Veränderung, Variation und Vielfalt. Menschen mit einem starken Bedürfnis nach Abwechslung lieben beispielsweise Überraschungen, gehen auf außergewöhnliche Veranstaltungen, besuchen fremde Kulturen und Regionen oder treiben aufregende Sportarten. In Maslows Modell fehlt dieses Bedürfnis. Ich begründe diese Kategorie mit Studien zum optimalen Erregungsniveau, zum Beispiel von Dr. Marvin Zuckerman oder Dr. Elaine Aron.

Verbindung:

wird erfüllt durch Kommunikation, durch den engen Kontakt mit Menschen oder anderen Lebewesen und durch intime Liebesbeziehungen. Menschen suchen von Geburt an nach lebendiger Verbindung und Liebe. Sie zeigen das, indem sie langfristige Partnerschaften eingehen, Körperkontakt aufnehmen oder bedingungslos füreinander da sind. Verbindung und Liebe sind bei Maslow die „belongingness and love needs”.

Wichtigkeit:

wird erfüllt durch hierarchische Abgrenzung, Anerkennung und Wertschätzung. Menschen finden die Bestätigung ihrer Bedeutsamkeit und Einzigartigkeit in Lob oder Dank von wichtigen Personen, in Auszeichnungen, in Jobtiteln und Dienstgraden, in Statussymbolen, aber auch im erfolgreichen Vergleich mit Anderen. Maslow nennt diese Kategorie „esteem needs”. 

Wachstum:

wird erfüllt durch den Zugewinn von Fertigkeiten und Fähigkeiten und durch die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Menschen mit diesem Bedürfnis wollen zum Besten werden, was sie sein können. Sie arbeiten an der Entfaltung ihres Potenzials, um ihr authentische Selbst zu verwirklichen – und zwar immer wieder aufs Neue. Bei Maslow heißt dieses Bedürfnis „self-actualization”.

Beitrag:

wird erfüllt durch die reine Fürsorge für Andere und den selbstlosen Einsatz für etwas, das größer ist als man selbst. Menschen mit einem starken Bedürfnis nach Beitrag dienen freiwillig und von Herzen. Zum Beispiel, indem sie mit Hingabe für etwas arbeiten, das über sie selbst hinausgeht – etwa für ein Unternehmen, für das Wohl aller Menschen oder für zukünftige Generationen. Diese Form von Beitrag ist gleichbedeutend mit Maslow’s „self-transcendence”.

Erfüllen Sie Ihr Bedürfnis selbst und Sie stiften Sinn.

Gehen Sie davon aus, dass kein Bedürfnis besser ist als die anderen, sondern bei Ihnen zum aktuellen Zeitpunkt ein Bedürfnis an erster Stelle steht, ein anderes an zweiter Position… und so weiter. Das System menschlicher Bedürfnisse ist dynamisch. Wenn Sie die aktuell wichtigsten gesund erfüllen, verändert sich die gesamte Konstellation. Ihr wichtigstes Bedürfnis verdient jetzt Ihren Fokus.

Die eigenen Bedürfnisse „auf die Reihe zu bringen” mag am Anfang herausfordernd sein. Aber Sie werden bald Rückmeldung bekommen, sobald Sie sich ernsthaft damit befassen: Falls Sie für Ihre Top-Bedürfnisse einstehen und sie selbstbestimmt erfüllen, werden Sie währenddessen einen positiven Zustand erleben und sich danach stärker und zufriedener fühlen.

Starten Sie mit einer einfachen Frage.

Wenn Sie mit Ihrer Arbeit Sinn stiften wollen, dann stellen Sie sich folgende Frage, bevor Sie mit einer Tätigkeit starten: Ist es möglich, dass ich mir jetzt ein wichtiges Bedürfnis gesund erfülle? Darauf gibt es nur drei Antworten: „Ja”, „Nein”, oder „Weiß nicht”. Ist es prinzipiell möglich?

Wenn „Ja”, dann los! :) Wenn „Nein”, dann lassen Sie uns einen Coaching-Termin vereinbaren ;). Und wenn Ihre Antwort „Weiß nicht” lautet, empfehle ich Ihnen meinen nächsten Blog-Beitrag. Dort stelle ich einige Beispiele vor.