Sinnvolle Arbeit steht auf der Wunschliste ganz oben, vor allem bei jungen Generationen. Doch wem die eigenen Bedürfnisse fremd sind, dem kann man keinen Wunsch erfüllen. Wer wirklich in den flow kommen will, sollte seine Bedürfnisse kennen. Den besten Hinweis darauf geben Ihre Emotionen – und zwar die unbequemen.

Stecken Sie im Motivationstief – oder in der Sinnkrise? Nun verliert auch die Generation X die Lust am Arbeiten, steht in einem Artikel der WELT. Der Autor bezieht sich auf den Report von „Working better together”. Es scheint, als ob die Generation der 22- bis 37-Jährigen es ihren Nachfolgegeneration Z gleichtut: Experten meinen, dass viele junge Berufseinsteiger ein angenehmes Arbeitsklima und eine sinnvolle Tätigkeit erwarten. Ansonsten seien sie nicht zur Arbeit motiviert.

Wohlfühl-Klima und Job mit Sinn? Sorry, aber Sinn gibt nur mit unbequemen Emotionen. Das war mein erster Gedanke darauf. 

Emotionen helfen beim Sinn stiften.

In diesem Beitrag erfahren Sie, wie Sie Gefühle nutzen, um authentisch Sinn zu stiften. Denn echte Emotionen geben verlässliche Hinweise auf die eigene Bedürfnislage – und auf das, was jetzt Sinn macht. Wenn Sie unangenehme Emotionen verstehen, bleiben Sie Ihrem Sinn auf der Spur und lassen sich seltener von leeren Versprechungen ablenken. 

Sie entscheiden zwischen Sinn und Unsinn. Wer sonst? Sinnvolle Arbeit wird weder von Ihrem Chef noch von Ihrer Firma entschieden, sondern von Ihnen selbst. Bei dieser Meinung bleibe ich, bis mich jemand von einer besseren überzeugt. Im vorigen Artikel habe ich eine These formuliert: Sie machen etwas Sinnvolles, sobald Sie damit Ihr aktuelles Bedürfnis erfüllen. Das heißt, Sie können bei jeder Aufgabe entscheiden, ob und wie Sie Sinn stiften. Aber dafür müssen Sie ihr Bedürfnis erkennen und Ihre Emotion fühlen. (Abbildung 1)

flow entsteht bei der selbstbestimmten Erfüllung von Bedürfnissen.

Erfüllen Sie Ihr Top-Bedürfnis und Sie kommen in einen positiven Zustand. Wer Selbstverantwortung, flow-Erleben und Sinn in der Arbeit erfahren möchte, sollte dieser Regel folgen. Der Zusammenhang zwischen Bewusstsein, Bedürfnissen und Lebenszufriedenheit wird von der Psychologie untermauert, zum Beispiel durch das Kompensatorische Modell von Hugo Kehr oder das Konzept der Motivationalen Kompetenz von Falko Rheinberg.

Abbildung 1: Menschliche Bedürfnisse. Mehr Infos zu den einzelnen Bedürfnissen finden Sie im  Glossar .

Abbildung 1: Menschliche Bedürfnisse. Mehr Infos zu den einzelnen Bedürfnissen finden Sie im Glossar.

Vor der Erfüllung kommt die Erkennung. Ein aktuelles Bedürfnis zu identifizieren, ist einfacher als man denkt. Die eigenen Gefühle und Empfindungen sind die besten Indikatoren für unerfüllte Bedürfnisse. Interessanterweise sind es gerade die unangenehmen Emotionen, die Aufschluss geben. Ich bezeichne sie bewusst nicht als „negative Gefühlen”, weil ich der Meinung bin, dass es diese nicht wirklich gibt. Jede Emotion hat Ihren Wert und liefert hilfreiche Informationen. 

„Pain points” sind ein Wink mit dem Zaunpfahl – zu dem, was Sie wirklich brauchen. Jedes unangenehme Gefühl zeigt auf ein unerfülltes Bedürfnis. Allerdings fühlen wir selten hin – oder schauen häufig weg. Spaß und Leichtigkeit sind attraktiver als unbequeme Gefühle und emotionale Vermeidung fällt in der Digitalisierung leichter als je zuvor. Ein WhatsApp-Chat fühlt sich freier an als das Gespräch mit Blickkontakt. Die Bestätigung im Internet ist bequemer als der konstruktive Konflikt mit dem Kollegen. Ein Selfie auf Instagram braucht weniger Mut als direkt sein Gefühl zu äußern. Wenn wir weiterhin so wegfühlen, führt uns das ins Chaos.

Entwicklung ohne Schmerz ist ein hohles Versprechen.

Menschen, die emotionalen Schmerz um jeden Preis vermeiden, entwickeln sich nicht weiter und verlieren den Kontakt zur Welt. Leider hat die Positive Psychologie und ihre naive Instrumentalisierung genau dazu beigetragen. Positivität bedeutet nicht, unangenehme Emotionen zu vermeiden und sich grenzenlos wohl zu fühlen. Positivität bedeutet, auch schmerzliche Gefühle zu akzeptieren und aus dieser Akzeptanz heraus sinnstiftend und nachhaltig zu handeln.

Nehmen wir an, dass Sie in den nächsten Minuten mit einer Aufgabe in Ihrem Job beginnen. Stellen Sie sich eine Tätigkeit vor, die sie nicht gerne tun. Lassen Sie nun folgende Frage auf sich wirken:

„Ist es möglich, dass ich mir damit ein wichtiges Bedürfnis gesund erfülle?”

Wer sich ernsthaft mit dieser Frage konfrontiert, übernimmt radikale Selbstverantwortung. Antworten Sie nicht zu schnell, sondern gehen Sie der Emotion nach, die durch die Vorstellung ausgelöst wird. Fühlen Sie Müdigkeit, Hilflosigkeit, Angst, Wut, Einsamkeit, Traurigkeit, Scham, oder Sorge?

Emotionen, Bedürfnisse und Sinn sind nach derselben Logik aufgebaut.

Gelingt es Ihnen, die Emotion zu benennen, die am stärksten ist? Sie gibt Auskunft über das Bedürfnis, das aktuell darunter liegt. Emotionen sind in denselben hierarchischen Ebenen angeordnet wie Bedürfnisse. Es gibt grundlegende Ebenen und es gibt darauf aufbauende Ebenen. In Anlehnung an die Entwicklungspsychologie unterscheide ich vier Ebenen. Jede aufbauende Ebene schließt die grundlegenden Ebenen mit ein. (Abbildung 2)

Müdigkeit und Durst verweisen auf biologische Bedürfnisse.

Wenn Sie bei der Vorstellung der Aufgabe müde werden, liegt ein biologisches Bedürfnis darunter. Entweder brauchen Sie eine Mütze Schlaf, damit sich Ihr Nervensystem erholen kann. Oder Sie brauchen eine kurze Bewegungspause, um Körper und Geist zu aktivieren. Wir befinden uns auf der Ebene der körperlichen Bedürfnisse.

Es mag banal klingen, aber Sie stiften Sinn, wenn Sie regelmäßig schlafen, sich bewegen und ausreichend trinken. Sie schaffen damit die gesunde Grundlage für die Erfüllung aller anderen Bedürfnisse. Ich halte es für gefährlich, wenn Menschen zu Aufputschmitteln greifen oder auf Fastenkuren und Schlafentzug schwören. Der Selbstoptimierungswahn ist eine ungesunde Übersteigerung der aufbauenden Ebenen. Wenn die biologischen Bedürfnisse nicht auf natürlichem Wege erfüllt werden können, fällt die Bedürfnispyramide in sich zusammen.

Angst, Wut und Hilflosigkeit sind Hinweise auf unerfüllte Sicherheit.

Abbildung 2: Vier Ebenen der Bedürfnisse und Emotionen.

Wenn negativer Stress aufkommt, liegt das Bedürfnis nach Sicherheit darunter. Stressgefühle gehören zu den Ausprägungen der Angst. Dazu zählt auch die Befürchtung, dass man den Anforderungen im Job nicht gewachsen ist. Angst ist eine häufige und wichtige Emotion. Menschen erleben Angstgefühle, wenn Sie eine Bedrohung ihrer körperlichen oder psychologischen Sicherheit erleben. Damit meine ich nicht Angststörungen oder Panikattacken, die therapeutisch behandelt werden sollten.

Normale Angst wird häufig von Ärger, Wut oder Hilflosigkeit begleitet oder überlagert. Wenn Sie diese Emotionen fühlen, liegt Ihr Bedürfnis ziemlich sicher auf der ersten Ebene. Auf derselben Ebene liegt übrigens die Langeweile mit dem vorübergehenden Gefühl von Trägheit und Lustlosigkeit. Langeweile deutet darauf hin, dass Sie das Bedürfnis nach Abwechslung haben. 

Einsamkeit, Trauer und Scham zeigen auf den Mangel an Verbindung oder Wichtigkeit.

Gehören Sie zu den Menschen, die sich als „Einzelkämpfer” bezeichnen? Das hat Vorteile: Man kann seine Erfolge direkt auf die eigene Leistung zuschreiben. Wenn das geschieht, erfüllt man das Bedürfnis nach Wichtigkeit und fühlt Stolz. Wenn jedoch das Scheitern bevorsteht oder der Misserfolg eintritt, werden unangenehme Gefühle ausgelöst – außer, sie werden unterdrückt.

Wer einen vermeidbaren Fehler gemacht hat, der sich negativ auf Andere auswirkt, bekommt Schuldgefühle und schämt sich. Wenn sich Menschen abwenden oder trennen, treten Traurigkeit und Einsamkeit auf. Scham, Einsamkeit und Traurigkeit sind soziale Emotionen, wenn man die Anerkennung von anderen Menschen und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe verliert. Wenn Sie sich schämen, sich einsam oder traurig fühlen, dann könnte es sein, dass Sie Ihr Bedürfnis nach Wichtigkeit oder Verbindung erfüllen sollten.

Die Sorge um sich und Andere entspringt dem Bedürfnis nach Wachstum und Beitrag.

Wenn die Vorwegnahme der Aufgabe ein bestimmtes Gefühl der Sorge auslöst, sollten Sie zwei Bedürfnissen nachgehen: einerseits dem Bedürfnis nach Wachstum und anderseits dem Bedürfnis, Ihren Beitrag für etwas Größeres zu geben. Diese Art von Sorge ist eine Kombination aus Liebe und kluger Voraussicht. Es ist keine Sorge, die aus der Angst heraus kommt. Wilhelm Schmid trifft in seiner Philosophie der Lebenskunst eine ähnliche Unterscheidung: zwischen ängstlicher Sorge und aufgeklärter Sorge.

Die aufgeklärte Sorge hat zwei Richtungen: Die Sorge um sich selbst reflektiert das Bedürfnis nach persönlichem Wachstum. Es geht um die kluge Entfaltung Ihres individuellen Potenzials, um Ihre produktive Selbstgestaltung. Die Sorge um sich selbst ist eng verbunden mit der Sorge um Andere. Die Sorge um Andere ist ein Hinweis auf Ihr Bedürfnis nach Beitrag – oder „Selbsttranszendenz”, um in den Worten Maslows zu sprechen.

Die aufgeklärte Sorge um Andere meint nicht nur die Fürsorge für Personen, die einem nahe stehen. Die Sorge um Andere umfasst auch fremde Menschen und zukünftige Generationen.

Das klingt groß, nicht wahr? Das ist es auch. Und es ist unbequem.

Für eine Arbeit mit Sinn müssen Sie Ihren Emotionen begegnen.

Je größer der Sinn, den Sie stiften wollen, desto vielfältiger und unbequemer werden Ihre Emotionen. An diesem Punkt stoßen die Generation Z und die „Feelgood-Kultur” an ihre Grenzen: Denn wer die Welt retten will, kommt um emotionalen Schmerz nicht herum. Wer Schmerz vermeidet, vermeidet gesunde Entwicklung. 

Ihre authentischen Emotionen geben verlässliche Hinweise, welches Bedürfnis Sie wirklich haben und auf welcher Sinn-Ebene Sie im Moment stehen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihr Top-Bedürfnis erkennen, durch eigene Initiative erfüllen… dabei in den flow kommen… den Schwung mitnehmen und wir gemeinsam die Welt besser machen.